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Haftberichte – Willkür und Gewalt
Welchen physischen und psychischen Belastungen die Häftlinge des SA-Gefängnisses Papestraße ausgesetzt waren, lässt sich anhand einiger Haftschilderungen nur erahnen. Schon die Einlieferung in das SA-Gefängnis auf dem unübersichtlichen ehemaligen Kasernengelände wirkte auf die Häftlinge, insbesondere nachts, desorientiend. Bei den oftmals mehrmaligen Vernehmungen wurden die Inhaftierten misshandelt – bis hin zum Tod einer Reihe von Häftlingen.

Die Häftlinge berichteten immer wieder von der besonderen Brutalität, die von den SA-Bewachern ausgeübt wurde. Der Sadismus der SA-Feldpolizei zeigte sich in immer neuen Misshandlungen, Quälereien und Schikanen. Zwischen weiblichen und männlichen Häftlingen wurden dabei keine Unterschiede gemacht. In einem Fall wird außerdem berichtet, dass Frauen von den SA-Wachmannschaften vor den Augen anderer weiblicher Häftlinge vergewaltigt wurden.

Georg Doehring
Der ehemalige Bewag-Betriebsrat Georg Doehring.
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Am 21. März 1933 wurde Georg Doehring zusammen mit zehn weiteren Betriebsratsmitgliedern der Bewag in der damaligen Firmenhauptverwaltung von der SA verhaftet und in das SA-Gefängnis Papestraße gebracht. 1973 schilderte er seine damaligen Erlebnisse:

»Mit Stockschlägen wurden wir in den Keller getrieben und in einem dunklen Raum, dessen Wände viele Blutspritzer aufwiesen, eingesperrt. Zu unserem Entsetzen hörten wir auf dem Kellergang ohne Unterbrechung fürchterliche Schreie von gefolterten Häftlingen. Wir ahnten, was uns bevorstand. Wir hockten zusammengekauert und verstört auf dem Steinboden des kalten Kellers. Doch bald begann die wilde Orgie einer entmenschten Mörderbande. Die Tür wurde von SA-Banditen aufgerissen, und mit gezogener Pistole drangen vier Strolche ein mit dem Ruf: ›An die Wand mit Euch, Ihr Kommunistenschweine!‹ Sie holten einige Mitglieder des Betriebsrates mit Schlägen heraus. Wir konnten uns wieder hinhocken. Doch bald wurden wir auf den Gang getrieben und mußten zuschauen, wie ein jüdischer Arzt aus Biesdorf von den SA-Mördern zu Tode geprügelt wurde. Danach schafften die Posten einen jungen kranken Mann aus dem Bunker, dessen Körper furchtbare Wunden aufwies, und schlugen erneut mit Stahlruten auf ihn ein, bis er blutüberströmt ohnmächtig zusammenbrach. Sodann wurde er mit kaltem Wasser übergossen. Als wir in unser Kellerverließ wieder hineingetrieben wurden, brachen zwei unserer Genossen zusammen.«

Quelle: Georg Doehring: »Rückschau«. Manuskript im ehemaligen Bewag-Archiv der Vattenfall AG, Berlin.

Erich Simenauer
Erich Simenauer.
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Der Chirurg und Psychoanalytiker Prof. Dr. Erich Simenauer wurde am 1. April 1933, dem sogenannten »Boykott-Tag« gegen jüdische Einrichtungen und Geschäfte, von der SA-Hilfspolizei im Kreuzberger Urban-Krankenhaus verhaftet und in das SA-Gefängnis Papestraße verschleppt. In einem Gepräch mit dem Mediziner Dr. Christian Pross zu Beginn der achtziger Jahre schilderte er seine Erlebnisse:

»Zufällig war einer unserer Bewacher ein ehemaliger Patient von mir, dem ich kurz zuvor den Blinddarm rausgenommen hatte. Um sich mir erkenntlich zu zeigen, veranlaßte er, daß auf der Rückseite meines Laufzettels handschriftlich vermerkt wurde: ›nicht mißhandeln‹. Als in der folgenden Nacht die SA-Wachmannschaft eine wilde Prügelorgie veranstaltete, hielt ich denen, als ich an der Reihe war, meinen Laufzettel mit dieser Aufschrift entgegen. Darauf befahl mir einer: ›Hinlegen‹, und ich warf mich zu Boden und wurde verschont. Rechts und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen, bis sie tot waren, es war entsetzlich. Wenn sie sie wenigstens erschossen hätten, aber sie haben sie zu Tode geknüppelt! Mir hat dieser Zettel das Leben gerettet.«

Quelle: Christian Pross: Das Krankenhaus Moabit 1920, 1933, 1945. Die jüdischen Ärzte am Krankenhaus Moabit. In: ›Nicht mißhandeln‹. Das Krankenhaus Moabit. Herausgeber: Christian Pross und Rolf Winau, Berlin 1984.

Karl H. war im April 1933 zusammen mit Stefan J. in einem Spandauer Lokal von einer SA-Streife verhaftet worden. Zuerst wurden sie in Spandauer SA-Lokalen misshandelt, dann erfolgte am gleichen Abend der Transport zum Gefängnis Papestraße. Im Februar 1948 beschrieb er die dortigen Verhältnisse in einem Ermittlungsverfahren gegen frühere Angehörige der Spandauer SA folgendermaßen:

»Gegen 1 Uhr wurden wir wiederum auf ein Auto verladen und nach der ehemaligen Kaserne der Schutzpolizei [gemeint ist die Feldpolizei; die Red.] in der General-Pape-Straße gebracht. Hier wurde ich mit J. zunächst verbunden. Bemerken möchte ich aber, daß wir beide als Menschen kaum noch zu erkennen waren, und wir aus Mund und Nase bluteten und aus dem Gesicht kaum noch sehen konnten. Ich selbst hatte im Gesicht drei große klaffende Wunden, die ich heute noch aufweisen kann. Nach dem Verbinden wurden wir in einen Kellerraum gebracht, wo Stroh lag und sich noch mehr Leidensgenossen befanden. Inzwischen wurden wir allen Schikanen ausgesetzt, die ich heute gar nicht mehr so im Einzelnen erwähnen kann. Ich kann nur einen Fall besonders herausstellen. So mußten wir auch in diesem schwerkranken Zustand Frühsport machen. In einem Gang befanden sich Tische und Bänke. Hier wurde mit uns Sport geübt, indem man unter die Bänke über die Tische kriechen mußte, und wenn es nicht schnell genug ging, dann wurden wir wiederholt geschlagen. (...) Erwähnen möchte ich noch, daß ich auch in einen Sarg gelegt wurde, um Geständnisse von mir zu erpressen. Ich sollte bei lebendigen Leibe begraben werden, wenn ich nicht aussagen würde. Im Sargdeckel befand sich oben ein Loch, und von diesem Loch bekam ich des öfteren eine Wasserspritze ins Gesicht. Nach einer Stunde wurde ich dann wieder aus dem Sarg herausgelassen. Auch wurden uns mit einer Heckenschere in einer ganz robusten Form die Haare geschnitten, man kann eigentlich sagen völlig ausgerissen.«

Quelle: Landesarchiv Berlin, LAB Rep. 058, Nr. 458, Bd. I; Bl. 114f.


Der ehemalige Häftling Stefan J. beschrieb in dem gleichen Verfahren die Unterbringung der Gefängnisinsassen folgendermaßen:

»Hier wurden wir in einen Keller gebracht, wo sich ungefähr 20 Leidensgenossen befanden. In diesem Raum habe ich mit meinem Genossen H. circa vier Wochen zugebracht. Die Unterbringung war unter aller Menschenwürde. So lagen wir auf dem Zementfußboden ohne einen Strohsack oder einer Decke. Die Verpflegung bestand aus einem Stück trockenem Brot, und als wir etwas zu trinken verlangten, reichte uns ein SA-Mann in einer Schüssel anstatt Wasser Urin. Als wir dieses ablehnten zu trinken, brachte man uns eine Schüssel Wasser, was man ganz scharf gesalzen hatte.«

Quelle: Landesarchiv Berlin, LAB Rep. 058, Nr. 458, Bd. I; Bl. 116f.