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Zeitdokumente
Während die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme mit Erscheinungsverboten, Pressezensur und der Verfolgung von Autoren eine unabhängige Berichterstattung in Deutschland verhinderten, begann 1933 eine breite publizistische Aktivität aus dem Exil über den NS-Terror. Sie wurde getragen von geflüchteten Journalisten, Schriftstellern und Politikern. Einige dieser Publikationen fanden auf illegalen Wegen zurück nach Deutschland, wo sie unter der Hand kursierten.

Auch die unabhängige Presse des Auslands berichtete über die Zustände in Deutschland. Insbesondere im Jahr 1933 erschienen so eine Reihe von Pressemeldungen und Buchveröffentlichungen, in denen die Zustände im SA-Gefängnis Papestraße dargestellt wurden. Eine Auswahl daraus wird hier vorgestellt.

Der Arbeiter Hans S. berichtet: »Die ›schweren‹ Fälle wurden im ›Sandbunker‹ verhört. In diesem stand nur eine Bank, die Inhaftierten wurden hier entkleidet. Ein SA-Mann setzte sich auf das Genick und ein anderer hielt die Beine fest und die übrigen schlugen mit Reitpeitschen auf den Opfern herum, bis diese blutüberströmt und besinnungslos liegenblieben.« Während der achttägigen Haft des S. drangen ununterbrochen Schreie aus diesem Kellerraum. Auf dem Fußboden lag Sand, daß man das Blut nicht aufwischen brauchte.

Quelle: Angeklagter Hitler. Zürich/Paris 1933, Seite 11.
Während meines Aufenthaltes sind in dem Raum, in dem ich mich befand, ungefähr fünfzehn junge Arbeiter eingeliefert worden. Ich bezeuge, daß diese jungen Arbeiter auf die grauenvollste Weise misshandelt worden sind. Als Arzt kann ich die Ansicht vertreten, daß mindestens acht von ihnen schon ihren Verletzungen in der General-Pape-Straße erlegen sein müssen.
Die Arbeiter sind, nachdem man sie gebunden und mit brennenden Zigaretten in die Fußsohlen gebrannt hat, von den SA-Leuten noch stundenlang grausam gefoltert worden. Gleichzeitig mit mir war ein Dr. Philippsthal aus Berlin-Biesdorf eingeliefert worden. Dieser Kollege wurde schwer verwundet. Ich hege schwerste Bedenken am Aufkommen dieses Arztes.

(Bericht von Dr. Fritz Fränkel über seinen Aufenthalt im SA-Gefängnis Papestraße)
Quelle: Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror. Nachdruck der Originalausgabe von 1933, Frankfurt/Main 1978, Seite 212.

Er [Hans Blandowsky] wurde am 17.8. [1933] von den SA-Leuten Kollatz (dem Mörder des Rotfrontkämpferbund-Mannes Schneider-Sylvester 1931/32) und Krause verhaftet, weil er fälschlich beschuldigt worden war, diesen früher geschlagen zu haben. Die Angehörigen erhielten keine Nachrichten. Alle Rückfragen hatten keinen Erfolg. Erst Mitte September hörten sie, daß er in der General-Pape-Straße furchtbar misshandelt worden sei. Am Montag, den 24.9.1933, erhielt die Mutter durch einen Polizeibeamten ein Diensttelegramm, daß der Sohn im Leichenschauhaus liege. Bei der Übergabe des Telegramms schrie die Mutter: »Ich weiß schon, ihr habt meinen Sohn erschlagen.« Der Beamte: »Wenn sie das noch einmal sagen, lasse ich sie verhaften.« Der ältere Bruder kommt aus dem Zimmer gestürzt und ruft: »Das habt ihr getan, das braucht ihr nicht zu vertuschen.« Am 27.9.1933 beerdigte die 76jährige Mutter auf dem Friedhof Weißensee ihren 29jährigen Sohn.

Quelle: Deutsche Freiheit (Tageszeitung, erschien 1933–1935 in Saarbrücken), 12./13.11.1933
Im Nebenkeller wurde ein kleiner Mann jüdischer Herkunft gezwungen 72 Stunden zu stehen. Er bekam dabei die Beine voll Wasser und mußte ärztlich behandelt werden.

Quelle: Felix Burger (d. i. Kurt R. Grossmann): Juden in brauner Hölle, Prag 1933, Seite 41.
Am 10.4.1933 kamen SA-Männer in die Wohnung eines unbekannten Mannes und forderten eine »Spende« von 2000 RM für die SA. Der Mann weigerte sich. 3 Tage später kamen erneut 5 SA-Männer, verhafteten den Mann und brachten ihn in die Papestraße. Er wurde in einen Keller zusammen mit 15 Anderen eingesperrt. Alle wurden misshandelt. Seine Frau intervenierte im Polizeipräsidium. Daraufhin wurde ihr Mann entlassen.

Quelle: Deutschland am Hakenkreuz, Prag 1933, Seite 33.
Nachdem man den Genossen Herms mit Gummiknüppeln fast bewußtlos geschlagen hatte, wurde er halb ohnmächtig in einen Sarg gelegt. In Kopfhöhe des Sarges befand sich ein Loch. Nach einiger Zeit wurde ein Metallgegenstand gegen seine Augen gestoßen. Im nächsten Augenblick spritzte ihm eine Flüssigkeit in die Augen, und jemand schrie ihm zu: »Das ist Lysol, blind sollst du werden, du Kommunistensau. Wenn du nicht gestehst, kommst du nicht lebendig aus dem Sarg!«

Quelle: Kurt Bürger: Aus Hitlers Konzentrationslagern, Moskau/Leningrad 1934, Seite 17.
Ein Ehepaar wurde 1933 verhaftet und in die Papestraße gebracht. Der Frau wurde erlaubt nach der Tochter zu sehen, mit der Drohung ihren Mann umzubringen, wenn sie lange wegbleiben würde. Die Frau kehrte in die Papestraße zurück, fand ihren Mann aber nicht mehr. Später fand sie ihn im Urban-Krankenhaus. Er war schwer misshandelt worden, und sie durfte ihn nicht sehen. Der Tochter wurde es erlaubt und sie berichtete über schwere Beinverletzungen durch Prügeln mit Stahlruten. Die Tochter befürchtet die Amputation beider Beine.

Quelle: Ellen Wilkinson: The Terror in Germany, London (um 1935), Seite 22.
Unbekannter Mann bekam mit 3 anderen Kampferinjektionen in die Harnröhre. War 4 Wochen in der Papestraße inhaftiert, anschließende 2 Monate im Staatskrankenhaus in Behandlung.

Quelle: Das deutsche Volk klagt an. Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland. Ein Tatsachenbuch, Paris 1936, Seite 74.